Exscientia IPO: Wenn KI Medikamente erfindet

Exscientia ist ein britisches Pharmatech-Unternehmen, das KI nutzt um Medikamente schneller und kostenguenstiger zu entwickeln. Das Unternehmen aus Oxford hat als erstes weltweit drei KI-designed Wirkstoffkandidaten in klinische Phase-1-Studien gebracht und arbeitet mit Partnern wie Bristol Myers Squibb, Sanofi und der Bill & Melinda Gates Foundation zusammen. Mit ueber 25 aktiven Projekten und weniger als 225 Mitarbeitern will Exscientia beweisen, dass die Pharmaindustrie mit KI ganz neu gedacht werden kann.
Overview
Pharmaentwicklung ist kaputt. Die Branche scheitert bei 96% aller Projekte, jedes zugelassene Medikament kostet im Schnitt 1,8 Milliarden US-Dollar und dauert mehr als zehn Jahre. Exscientia will genau das aendern. Das Unternehmen aus Oxford setzt KI an den Anfang des gesamten Entwicklungsprozesses und hat damit bereits etwas geschafft, das vorher niemand konnte: drei KI-entwickelte Wirkstoffkandidaten in klinische Phase-1-Studien gebracht.
Gegruendet 2012 in Schottland, hat sich Exscientia zur zentralen Adresse fuer KI-gesteuertes Wirkstoffdesign entwickelt. Das Unternehmen reichte am 10. September 2021 seinen F-1 bei der SEC ein und plant die Erstnotiz am Nasdaq Global Market unter dem Ticker-Symbol EXAI. Die Aktien werden als American Depositary Shares (ADS) angeboten, wobei jeder ADS einer Stammaktie entspricht.
Was diesen Boersengang besonders macht: Exscientia hat von der Gruendung 2012 bis 2020 ausschliesslich ueber Einnahmen aus Partnerschaften und ohne VC-Finanzierung operiert. Jedes Projekt musste echte Ergebnisse liefern. Das hat eine Unternehmenskultur geformt, die in der Pharma-Startup-Welt ungewoehnlich ist.
Management zum Zeitpunkt des IPOs
Gruender und CEO Andrew Hopkins hat Exscientia seit der Gruendung gefuehrt und die wissenschaftliche Vision des Unternehmens gepraeegt. Hopkins ist ein anerkannter Computerpharmakologe und einer der wenigen Wissenschaftler, die fruehzeitig auf KI als Kernwerkzeug fuer Wirkstoffdesign gesetzt haben.
Das Fuehrungsteam wird durch erfahrene Manager aus der Pharma- und Biotechbranche ergaenzt. Nach dem Boersengang gilt eine einfache Aktienstruktur: Es gibt A Ordinary Shares und B Ordinary Shares, die beide an der Nasdaq als ADS handelbar sind. Die Pre-IPO-Eigentuemer behalten nach dem Boersengang signifikante Stimmrechtsanteile, genaue Zahlen waren im F-1 zum Einreichungszeitpunkt noch nicht abschliessend festgelegt.
Bemerkenswert ist ausserdem das Board of Directors: Mit dem Engagement der Bill & Melinda Gates Foundation als direktem Investor und Partner bringt Exscientia einen Akteur ins Unternehmen, der zugleich strategischen Nutzen stiftet.
Branche
Der Markt fuer Arzneimittel ist gigantisch. Kleine Molekuele, also synthetische Wirkstoffe wie Tabletten und Kapseln, machen 75% des weltweiten Medikamentenumsatzes von 1,2 Billionen US-Dollar (Stand 2019) aus. Das ist der Markt, auf dem Exscientia spielt.
Das eigentliche Problem ist die Effizienz: Klassische Pharmaunternehmen benoetigen im Schnitt 54 Monate und testen rund 2.500 verschiedene Molekuele, bevor sie einen Wirkstoffkandidaten identifizieren. Exscientia schafft das gleiche in etwa 12 Monaten und mit deutlich weniger Verbindungen, im Schnitt 163 bis 500 Molekuele je nach Projekt. Das ist kein marginaler Unterschied.
Wettbewerber wie Recursion Pharmaceuticals, Schroedinger und Insilico Medicine arbeiten ebenfalls mit KI in der Wirkstoffforschung. Was Exscientia unterscheidet, ist die End-to-End-Abdeckung vom Wirkstofftarget bis zum Patienten, kombiniert mit eigenen nassen Laborkapazitaeten. Regulatorisch laeuft die Branche durch KI-Zulassungsverfahren noch unbekanntes Terrain, aber erste KI-Medikamente naehern sich der Zulassung.
Produkte
Exscientia betreibt keine Produktsparte im klassischen Sinne. Das Unternehmen baut eine Plattform und nutzt diese sowohl fuer eigene Wirkstoffprojekte als auch fuer Partnerschaften mit grossen Pharmaunternehmen. Die Plattform gliedert sich in vier Kernelemente:
- •Precision Target: Deep-Learning-Ansaetze zur Priorisierung der vielversprechendsten Wirkstofftargets unter Tausenden biologischer Proteine
- •Precision Design: KI-gesteuerte Entwicklung der optimalen Molekuelstruktur fuer einen Wirkstoff, unter Beruecksichtigung von Potenz, Selektivitaet, Dosierung, Vertraeglichkeit und weiteren Parametern gleichzeitig
- •Precision Experiment: Tech-gestuetzte Laborverfahren, die patientennahe Gewebedaten generieren und direkt in das KI-Modell einfliessen
- •Precision Medicine: KI-Analyse von echten Patientenproben, um die am besten geeignete Therapie fuer jeden einzelnen Patienten zu identifizieren
Im Pipeline-Bereich hatte Exscientia zum Zeitpunkt des F-1 mehr als 25 aktive Projekte in verschiedenen Phasen, darunter drei Kandidaten in Phase-1-Studien. EXS21546 ist der am weitesten fortgeschrittene intern entwickelte Kandidat, der sich gegen bestimmte Krebsarten richtet. Weitere Phase-1-Kandidaten werden von Sumitomo Dainippon Pharma entwickelt, das die alleinigen wirtschaftlichen Rechte haelt. Partner wie Bristol Myers Squibb, Sanofi, EQRx und die Gates Foundation sind Teil des Portfolios.
Darueber hinaus hat Exscientia die EXALT-1-Studie abgeschlossen, bei der KI-basierte Behandlungsempfehlungen fuer Haematoonkologie-Patienten getestet wurden. 55% der Patienten zeigten ein positives Ansprechen auf die KI-empfohlene Therapie.
Outlook
Exscientia steht an einem Punkt, an dem die Technologie nachweislich funktioniert, aber der eigentliche Wert noch nicht realisiert ist. Keine einzige interne oder partnerschaftliche Verbindung hat bisher eine regulatorische Zulassung erhalten. Das ist das groesste Risiko und gleichzeitig die groesste Chance.
Strategisch verfolgt das Unternehmen drei parallele Spielzuege: erstens vollstaendig eigenentwickelte Projekte in Onkologie, Immunologie und Antivirale, zweitens 50/50-Joint-Ventures mit Pharmaunternehmen, die klinische und kommerzielle Infrastruktur mitbringen, drittens grosse Pharmepartnerschaften mit Vorauszahlungen, Meilensteinen und Lizenzgebuehren. Dieses Dreifachmodell sorgt dafuer, dass kurzfristige Partnereinnahmen den langfristigen Aufbau des eigenen Portfolios finanzieren koennen.
Der operative Cashburn lag in den letzten zwoelf Monaten vor dem F-1 bei nur 11,1 Millionen Pfund, was fuer ein Pharmaunternehmen in dieser Phase aussergewoehnlich niedrig ist. Die Gates Foundation hat nicht nur 35 Millionen US-Dollar als Private-Placement-Investor zugesagt, sondern ist auch Partner fuer das Pandemie-Praeventionsprogramm. Exscientia verpflichtete sich, ebenfalls 35 Millionen Dollar in dieses Programm einzubringen.
Das Risiko liegt in der Natur der Pharmaindustrie: Selbst gut designte Molekuele koennen in klinischen Studien scheitern. Und Exscientia hat noch keinen einzigen Kandidaten durch die Zulassung gebracht.
Details zum IPO
Exscientia strebt ein maximales Emissionsvolumen von 100 Millionen US-Dollar an, inklusive der Greenshoe-Option der Underwriter. Der genaue Emissionspreis und die Aktienanzahl waren im ersten F-1 noch nicht festgelegt. Die Erstnotiz soll am Nasdaq Global Market unter dem Symbol EXAI stattfinden.
Als Konsortialfuehrer wurden Goldman Sachs & Co. LLC, Morgan Stanley, BofA Securities und Barclays mandatiert. Gleichzeitig mit dem Boersengang platziert die Bill & Melinda Gates Foundation 35 Millionen US-Dollar als Private Placement direkt beim Unternehmen, zum gleichen Preis wie der IPO. Diese Aktien unterliegen einer 180-Tage-Haltefrist.
Im Zusammenhang mit dem Boersengang hat Exscientia eine Unternehmensreorganisation durchgefuehrt, bei der die operative schottische Gesellschaft Exscientia AI Limited unter das Dach der neu gegruendeten englischen Holdinggesellschaft Exscientia plc gebracht wurde. Die Aktienstruktur nach dem Boersengang besteht aus einer einzigen Klasse von Stammaktien.
Bewertungskriterien
Erste weltweit: Drei KI-designte Wirkstoffkandidaten in Phase-1-Studien gebracht, kein Wettbewerber hat das bisher geschafft
Aussergewoehnlich effizienter Kapitaleinsatz: operativer Cashburn von nur 11,1 Millionen Pfund in den letzten zwoelf Monaten trotz ueber 25 aktiver Projekte
Starkes Partnernetzwerk mit Bristol Myers Squibb, Sanofi, Sumitomo Dainippon Pharma und der Gates Foundation validiert die Technologie
End-to-End-Plattform mit eigenen Laborkapazitaeten, die Wettbewerber nicht haben und die das Unternehmen datenunabhaengig macht
Kein einziger Wirkstoffkandidat hat bisher eine regulatorische Zulassung erhalten, der Weg zur Profitabilitaet ist lang und ungewiss
Abhaengigkeit von Kooperationspartnern: Ein Grossteil der Pipeline liegt wirtschaftlich bei Partnern, nicht bei Exscientia selbst
Interne Kontrollschwaеchen wurden im F-1 explizit erwaehnt, was fuer ein boersenreifes Unternehmen ein Warnsignal ist
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