Toast IPO: Das Betriebssystem der Gastronomie geht an die Börse

Toast ist eine cloud-basierte All-in-One-Plattform für die Gastronomie aus Boston, Massachusetts, die Point-of-Sale, Zahlungsabwicklung, Online-Bestellungen, Team-Management und Finanzierungslösungen unter einem Dach vereint. Das Unternehmen betreut rund 48.000 Restaurantstandorte und verarbeitete im ersten Halbjahr 2021 über 23 Milliarden Dollar Zahlungsvolumen. Mit einer ARR von 494 Millionen Dollar und einem ARR-Wachstum von 118% gehört Toast zu den am schnellsten wachsenden B2B-SaaS-Unternehmen im Restaurant-Segment.
Overview
Toast wurde 2011 in Boston gegründet, damals noch unter dem Namen Opti Systems, Inc. Die drei Gründer Aman Narang, Steve Fredette und Jonathan Grimm hatten ein einfaches Problem: Restaurants liefen auf einem Flickenteppich aus veralteten, schlecht vernetzten Systemen. Toast sollte das ändern. Zehn Jahre später reicht das Unternehmen seinen S-1 bei der SEC ein und strebt an die New York Stock Exchange unter dem Ticker TOST.
Die Timing-Frage ist leicht beantwortet. Die COVID-19-Pandemie hat der Gastronomie-Technologie einen Schub verpasst, der ohne die Krise Jahre gedauert hätte. Online-Bestellungen, kontaktlose Zahlungen, digitale Speisekarten. Alles Dinge, die Toast schon anbot, als die meisten Restaurants noch nicht daran gedacht hatten. Das Unternehmen hat diese Phase genutzt, um seine Kundenbasis massiv auszubauen: von 27.000 Standorten Ende 2019 auf fast 48.000 Mitte 2021.
Der Börsengang soll in erster Linie die Kapitalbasis stärken und Toast als öffentlich gehandelte Wachstumsaktie positionieren. Die Mittel fließen nach eigenen Angaben in allgemeine Unternehmenszwecke sowie potenzielle Akquisitionen und die internationale Expansion, die bislang noch gar nicht begonnen hat.
Management zum Zeitpunkt des IPOs
An der Spitze von Toast steht CEO Christopher P. Comparato, der nicht zu den drei Gründern gehört, aber das Unternehmen in einer kritischen Wachstumsphase führt. Die Gründer Narang, Fredette und Grimm sind weiterhin aktiv und haben einen offenen Brief an zukünftige Aktionäre verfasst, der klar macht: Der Fokus auf Restaurants ist keine Strategie, sondern eine Mission.
Die Stimmrechtsstruktur ist eindeutig. Toast geht mit einer Dual-Class-Struktur an die Börse: Class-A-Aktien erhalten eine Stimme pro Aktie, Class-B-Aktien zehn Stimmen. Alle bestehenden Aktien vor dem IPO werden in Class-B-Aktien umgewandelt. Das bedeutet: Die Pre-IPO-Eigentümer behalten nach dem Börsengang die Stimmrechtsmehrheit. Neue Aktionäre kaufen sich also wirtschaftlich, aber nicht strategisch ins Unternehmen ein.
Bemerkenswert: Toast hat offengelegt, dass es wesentliche Schwächen in seinen internen Kontrollen über die Finanzberichterstattung identifiziert hat. Das ist ein Warnsignal, das Investoren kennen sollten.
Branche
Der US-amerikanische Gastronomie-Markt ist riesig. Rund 860.000 Restaurantstandorte in den USA, mehr als 11 Millionen Beschäftigte, knapp 700 Milliarden Dollar Umsatz in 2020. Und trotzdem ist die Branche ein Technologie-Nachzügler. Laut dem S-1 gaben US-Restaurants 2019 gerade mal 25 Milliarden Dollar für Technologie aus, weniger als 3% ihrer Umsätze. Toast schätzt, dass dieser Wert bis 2024 auf 55 Milliarden Dollar steigen wird.
Das adressierbare Marktvolumen beziffert Toast auf rund 15 Milliarden Dollar allein in den USA, global liegt die Schätzung bei über 110 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: Toasts ARR lag Mitte 2021 bei knapp 500 Millionen Dollar. Wachstumspotenzial ist also reichlich vorhanden.
Wettbewerber gibt es, aber keiner hat eine vergleichbare Marktposition aufgebaut. Legacy-Systeme wie Oracle MICROS oder NCR Aloha dominieren noch bei größeren Ketten, aber der Wechsel zu cloud-basierten Lösungen ist im Gange. Square for Restaurants und Lightspeed sind die direktesten digitalen Konkurrenten, fokussieren aber nicht ausschließlich auf die Gastronomie. Genau das ist Toasts stärkstes Argument: ein System, das wirklich nur für Restaurants gebaut wurde.
Regulatorisch gibt es für Toast wenig Gegenwind, mit einer Ausnahme: Das Unternehmen verarbeitet massive Mengen an Zahlungsdaten und Gastdaten. Datenschutz und Payment-Compliance sind dauerhaft relevante Themen.
Produkte
Toast bietet eine vollständig integrierte Plattform mit mehreren Kernbereichen:
- •Point of Sale (POS): Restaurantspezifisches Kassensystem mit Offline-Fähigkeit, Tischmanagement, Küchenanzeigesystemen und Handheld-Terminals wie Toast Go für schnellere Tischabwicklung
- •Restaurant Operations: Inventur, Personalplanung, Zeiterfassung, Buchhaltungsintegration und detailliertes Reporting über alle Standorte hinweg
- •Digital Ordering and Delivery: Eigene Online-Bestellplattform, kontaktloses Order-and-Pay am Tisch, curbside-Abholbenachrichtigungen und Flatrate-Lieferdienst über Toast Delivery Services
- •Marketing and Loyalty: Gast-Datenbank, personalisierte Marketingkampagnen, Treueprogramme und Geschenkkarten über eigene und Drittanbieter-Kanäle
- •Team Management: Lohnabrechnung, Mitarbeiter-Onboarding, Benefit-Verwaltung und flexible Lohnauszahlung für Servicekräfte
- •Financial Technology Solutions: Integrierte Zahlungsabwicklung über das gesamte Netzwerk sowie Toast Capital, ein Arbeitskapital-Kreditprogramm für Restaurantbetreiber
- •Toast Now: Digitale Schnelllösung für Restaurants, die schnell Online-Bestellungen, Lieferung und Marketingfunktionen aktivieren wollen, ohne das vollständige POS zu nutzen
- •xtraCHEF by Toast: 2021 akquiriertes Tool für Einkaufsmanagement, Lieferantenanbindung und Rezeptkostenrechnung
Als von Mitte 2021 nutzen rund 48.000 Restaurantstandorte die Plattform, davon circa zwei Drittel durch einen Wechsel von einem Legacy-System. Kein einzelner Kunde macht mehr als einen bedeutsamen Anteil am Gesamtumsatz aus.
Outlook
Toast steht an einer strategischen Weggabelung. Die gute Nachricht: Das Wachstum ist beeindruckend. ARR von 184 Millionen Ende 2019 auf 494 Millionen Mitte 2021, ein Bruttomargen-Anstieg von rund 9% im Jahr 2019 auf 22% im ersten Halbjahr 2021, und ein positives Adjusted EBITDA von 14,2 Millionen Dollar im ersten Halbjahr 2021. Das ist kein klassisches "Wachstum um jeden Preis"-Unternehmen mehr.
Die schlechte Nachricht: Toast ist noch nicht profitabel. Der Nettoverlust lag 2020 bei 248 Millionen Dollar, im ersten Halbjahr 2021 bereits wieder bei 235 Millionen Dollar. Die Kostenstruktur ist komplex: Neben Software-Abos verdient Toast viel Geld mit der Zahlungsabwicklung, hat dabei aber auch hohe variable Kosten.
Strategisch setzt Toast auf drei Hebel: mehr neue Restaurantstandorte gewinnen, bestehende Kunden zu mehr Produkten bewegen, und langfristig international expandieren. Der US-Markt mit 860.000 Standorten ist bei einem Marktanteil von ca. 6% noch weit davon entfernt, gesättigt zu sein. Und international hat Toast noch gar nicht begonnen. Das Risiko liegt vor allem in der Abhängigkeit von einem einzigen Zahlungsabwickler sowie in der Anfälligkeit kleiner und mittelgroßer Restaurants gegenüber konjunkturellen Schwankungen.
Details zum IPO
Toast plant die Erstnotiz an der NYSE unter dem Ticker-Symbol TOST. Im ursprünglichen S-1 wurden Emissionspreis und exaktes Volumen noch nicht festgelegt. Als Konsortialführer wurden Goldman Sachs, Morgan Stanley und J.P. Morgan mandatiert, ergänzt durch KeyBanc Capital Markets, William Blair und Piper Sandler.
Die Dual-Class-Aktienstruktur sieht vor, dass Class-B-Aktien zehnfaches Stimmrecht gegenüber Class-A-Aktien haben. Alle bestehenden Aktien werden vor dem IPO in Class-B umgewandelt. Zum Stichtag 30. Juni 2021 lagen 95,5 Millionen Class-B-Aktien aus. Zusätzlich existieren Optionen und RSUs in erheblichem Umfang, was bei der Berechnung der Verwässerung berücksichtigt werden sollte.
Bewertungskriterien
ARR-Wachstum von 118% auf 494 Millionen Dollar Mitte 2021 und Net Retention Rate von über 110% zeigen starkes organisches Wachstum ohne auf Neukunden angewiesen zu sein
Einzige cloud-native End-to-End-Plattform exklusiv für die Gastronomie mit tiefer Produktintegration über POS, Zahlungen, Bestellungen, HR und Finanzierung
Erst 6% der rund 860.000 US-Restaurantstandorte nutzen Toast, der adressierbare Markt ist also noch weitgehend unerschlossen
Positives Adjusted EBITDA von 14,2 Millionen Dollar im ersten Halbjahr 2021 zeigt ersten Schritt Richtung operative Profitabilität
Nettoverlust von 248 Millionen Dollar in 2020 und 235 Millionen Dollar allein im ersten Halbjahr 2021, kein Profitabilitätsdatum absehbar
Dual-Class-Struktur mit zehnfachem Stimmrecht für Pre-IPO-Eigentümer schließt neue Aktionäre faktisch von strategischen Entscheidungen aus
Wesentliche Schwächen in den internen Kontrollen über die Finanzberichterstattung wurden im S-1 offengelegt
Starke Abhängigkeit von einem einzigen Drittanbieter für die Zahlungsabwicklung sowie von kleinen und mittleren Restaurantbetreibern, die konjunkturanfälliger sind als Großkunden